Die Tinte auf diesem Pergament zittert noch leicht – nicht allein aus Erschöpfung meiner stets gebrechlichen Glieder, sondern weil mein Geist noch immer trunken ist von den Bildern dieses Tages. Fünfundzwanzig Jahre lang war meine Welt begrenzt durch den grauen Basalt von Burg Kahlstein, den eisigen Hauch des Lindetals und die endlosen Regalreihen unserer Familienbibliothek. Ich kannte Dämonen, Djinns und fliegende Schiffe nur aus abgegriffenen Folianten und Holzschnitten.
Als mein Bruder mich verstieß und in die Verbannung schickte, um ein Heilmittel zu suchen, glaubte ich, in den sicheren Tod zu reiten. Doch heute habe ich begriffen: Die Welt jenseits unserer Mauern ist unendlich grausamer, lebendiger und wundersamer, als die alten Schriften es je erfassen konnten.
Karissa, jene einbeinige Halblingsfrau, die mir gestern in den staubigen Gassen Herams begegnete, sprach die Wahrheit. Sie führte mich am Vormittag zum Quartier der hiesigen Abenteurergilde, die sich stolz „Die Wüstenfalken“ nennt.
Zu meiner unaussprechlichen Erleichterung fand ich dort Eryne von Kupfersee, deren Spur ich seit unserer Heimat im Norden gefolgt war. Sie trug eine Rüstung, die sie gleichermaßen als Kriegerin wie als Dienerin der Götter auswies. Meine überschwängliche Begrüßung erwiderte sie jedoch mit merkwürdiger Zurückhaltung; jede Erwähnung unserer heimatlichen Lande schien ihr sichtlich unangenehm zu sein. Welcher Schatten mag auf ihrem Aufbruch liegen? Ich muss sie beizeiten unter vier Augen darauf ansprechen.
Die übrigen Gefährten nahmen mich überraschend offen in ihren Kreis auf:
Ich spürte augenblicklich das Verlangen, mich vor diesen Recken zu beweisen. Hätte mein Vater mich nicht aus Furcht vor meiner Schwäche wie einen Gefangenen gehalten, wäre ich heute vielleicht ebenbürtig an Erfahrung. Doch Hadern nützt nichts – die Gegenwart fordert Taten.
Noch während wir uns berieten, trat ein bronzehäutiger, einarmiger Hüne an unseren Tisch. Die Gefährten schienen ihn gut zu kennen. Seine Kunde war düster: Ein Leutnant namens Olof, Anführer einer kleinen Bande, wurde enthauptet – man fand sein Haupt schändlich auf dem Marktplatz aufgebahrt. Seine Bande schloss sich daraufhin der Gruppierung des Schwarzen Lotus an. Ein Name, der mir wie viele andere an diesem Ort noch nichts sagt
Die Gerüchte, die von den Gefährten der Wüstenfalken in letzter Zeit zusammengetragen wurden, zeichnen ein verstörendes Bild dieser Region. Obwohl mir Vieles nichts sagte, versuchte ich mir dennoch, das Wichtigste zu merken:
Für mich sind diese Fraktionen und Ränke noch wie ein in Chiffren versiegeltes Manuskript. Wenn ich die Fäden nicht rasch entwirre, so fürchte ich, droht diese Stadt mich zu verschlingen.
Was folgte, raubte mir schier den Atem: Die Gilde besitzt ein Himmelsfahrzeug, angetrieben durch die gebundene Essenz eines leibhaftigen Djinns! Sie nennen das Wunderwerk Steel Falcon, was in der alten Sprache soviel wie Stählerner Falke bedeutet.
Mit gezücktem Kurzbogen bezog ich an einer der offenen Luken Stellung, bereit, unser Schiff zu verteidigen. Als die Maschine abhob und wie ein Raubvogel in den Himmel stieß, schlug mein Herz bis zum Halse. Eryne führte die Steuerung mit erstaunlicher Ruhe, zog an kupfernen Hebeln und rief dem Windgeist im Herzen des Rumpfes ihre Befehle zu. Unter uns breiteten sich die majestätischen, teils gebrochenen Konturen dieser sagenhaften Stadt aus.
Nach einer halben Flugstunde glitten wir über die Außenmauern und landeten nordöstlich eines gewaltigen Komplexes, den die Gruppe als „Das Museum“ bezeichnete. Im Moment des Sinkfluges zeichneten sich geisterhafte, schemenhafte Silhouetten vor uns ab, die sich bei der Bodenberührung auflösten. Die Gefährten vermuten, dass Maurizia – die geniale Erbauerin des Falken, die bei Testflügen einst attackiert worden war – mehr über diese Erscheinungen wissen könnte.
Kaum hatten wir die Luke geöffnet, schlug uns ein widerwärtiger Gestank aus Schweiß, Aas und Verwesung entgegen. Lucius wirkte sofort eine meisterhafte Arkankunst und hüllte den gesamten Falken in vollkommene Unsichtbarkeit.
Dann wandte er sich mir zu und sprach eine Formel, deren Schwingung mir durch Mark und Bein fuhr. Mit einem Mal durchströmte mich eine Woge übermenschlicher Kraft – ein Rausch, den mein sonst so kranker Körper nie gekannt hatte! In diesem Zustand hätte ich selbst Stallmeister Brynne auf Kahlstein mühelos im Armdrücken bezwungen.
Der Grund des Gestanks offenbarte sich rasch: Hunderte von Gnollen – jene hyänenartigen Abscheulichkeiten, von denen Reiseberichte warnen – lungerten in Rotten um das Gebäude herum. Wir schlichen vorsichtig an ihnen vorbei und näherten uns dem Vorplatz. Dort ragte eine übermenschengroße, goldene Statue eines Engels empor, umringt von Teufelsgestalten.
Die Portale des Museums standen weit offen. Nach kurzer Lagebesprechung suchten wir den Dialog mit den Teufeln, die sich belustigt und keineswegs aggressiv zeigten, und betraten die Hallen. Mein Verstand versuchte fieberhaft, die Realität einzuordnen: Das Verhalten dieser Kreaturen widerspricht fundamental Meister Hirams Infernus. Entweder war seine theologische Abhandlung ein reines Phantasieprodukt des Skriptoriums, oder die Bewohner der niederen Sphären haben in den letzten drei Jahrhunderten eine Wandlung durchgemacht. Ein weiteres Rätsel.
Im Inneren bot sich ein Bild des Grauens: Teufel folterten vor einem aufmerksam zuschauenden Publikum Ihresgleichen verlorene Seelen wie bei einer grotesken Theatervorstellung. Die historischen Exponate waren längst geplündert, doch eingemeißelte Inschriften verrieten, dass dieser Ort einst den Kreuzzügen der Zalu gewidmet war.
Der Zugang zu den Katakomben wurde von furchterregenden Pestdämonen versperrt. Die Scheusale wollten uns unter keinen Umständen den Zugang in die Keller und den neuen Aufseher des Museums gewähren. Ein Bestechungsversuch mittels Seelensteinen schien möglich, wenngleich aber moralisch verwerflich. Während die anderen beratschlagten, schritt ich gemeinsam mit Grifo die Wandfluchten ab. Unser Verdacht trog nicht: Die Dimensionen passten nicht zusammen. Hinter einer Verblendung ertastete ich kurz darauf den Mechanismus einer Geheimtür!
Als Lucius jedoch ansetzte, das Schloss magisch zu brechen, drohte uns die Entdeckung durch aufmerksame Teufel. In einem Geistesblitz packte ich Zybarion und inszenierte einen lautstarken, hitzigen Streit samt Handgemenge. In letzter Sekunde erinnerte ich mich an meine fast übermenschliche Stärke, so kam Zybarion glimpflich und ich mit dem Schrecken davon. Die Wachen wandten sich amüsiert unserem Scheinkampf zu, Lucius vollendete das Arkanum, und wir glitten unbemerkt durch den Spalt in das Versteck!
In der verborgenen Kammer fanden wir unberührte Schätze der Vergangenheit: eine kunstvolle Maske, einen Prunkspeer und einen dunkelblauen Umhang.
Als Lucius die Kammer durch ein Kristallmonokel musterte, erkannte er eine unsichtbare, nebelhafte Präsenz, die wie ein Wächter über den Artefakten schwebte. Der Umhang strahlte eine sanfte Magie aus. Da das tiefe Blau exakt der Heraldik meines Hauses Winterweide entsprach, legte ich ihn um meine Schultern. Im selben Moment spürte ich, wie eine erlösende Leichtigkeit in meine Glieder fuhr – als nähme das Tuch mir einen Teil meiner bleiernen Bürde von der Brust. Wir bargen zudem alte, brüchige Schriftrollen und verließen das Museum unter dem Schutz eines weiteren Unsichtbarkeitszaubers. Wir brachten jedoch mehr mit als geplant - Lucius’ Kristallmonokel verriet uns, dass die nebelhafte Entität uns lautlos folgte und sich beharrlich an die erbeutete Maske heftete.
Beim Passieren des Vorplatzes hielten wir an der goldenen Engelsstatue inne. Lucius entzifferte die eingravierten Runen – und die Statue regte sich für einen kurzen, schauerlichen Wimpernschlag! Die Glyphen sind scheinbar ein mächtiger Bannzauber; der Engel wird hier gegen seinen Willen gefangen gehalten. Ein verwegener Plan reifte in uns: Wenn wir zurückkehren, könnten wir das Siegel brechen, den Zorn des Himmelswesens gegen die Teufel entfesseln und im entstehenden Chaos ungehindert in den bewachten Keller vordringen! Da jedoch die Dämmerung hereinbrach, traten wir vorerst den Rückzug an.
Zurück in der relativen Sicherheit Herams forderte der Tag seinen Tribut. Die magische Stärke verflog, die Anstrengung brach über mich herein, und meine Beine gaben unter Zittern nach. Ich habe das Gefühl, heute mehrfach am Rande des Todes zu stehen und das obwohl ich nicht einmal mein Schwert ziehen musste.
Angesichts der ehrlichen Sorge meiner neuen Gefährten hielt ich es nicht länger geheim: Ich offenbarte ihnen das finstere Erbe unseres Hauses – jenen Fluch der Erstgeborenen von Burg Kahlstein und Haus Winterweide, der mein Blut schwächt und bisher auf keinem bekannten Wege gebrochen werden konnte.
Anstatt mich abzuweisen, machten sie mir Mut. Sie erzählten von gewaltigen Wundern, deren Zeugen sie bereits geworden waren, und sogar von der direkten Intervention der Göttin Kyris!
Wir haben die Relikte verkaufen können – insbesondere die Maske erzielte einen enormen Preis, da sie das Fragment einer mächtigen Windentität an unsere Ebene bindet. Mein Anteil sichert meinen Lebensunterhalt für die kommenden Wochen. Den Umhang durfte ich behalten - eine großzügige Geste meiner neuen Gefährten, die ich zu schätzen weiß.
Ich liege nun auf meinem Lager und lausche dem fremdartigen Klang der Wüstennacht. Zum ersten Mal seit meiner Verbannung spüre ich keine Verzweiflung mehr, sondern Zuversicht. Ich bin am richtigen Ort. Mein Bruder auf Kahlstein mag geglaubt haben, mich in ein namenloses Grab geschickt zu haben – doch ich werde diesen Fluch brechen und zurückkehren um meinen Thron zu fordern. So Kyris will.